Der Thronsessel des Dalai Lama in Ulan Bator ist verwaist
Erneut verhindert Peking den lang ersehnten Besuch des tibetischen Gottkönigs in der Mongolei, diesmal mit Hilfe Moskaus
Von Johnny Erling

Ulan Bator - Mönche in roten Kutten sitzen sich in Reihen gegenüber, klatschen in die Hände, rezitieren Sutras. Buttergeruch vermischt sich mit den Schwaden ungezählter Räucherstäbchen in der buddhistischen Klosteranlage Ganden. In dem 1834 in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator erbauten goldüberdachten Haupttempel meditieren sie vor einem mit Thanka-Malereien und Löwenstickereien geschmückten Thronsessel. Schalen mit Reis und Früchten werden jeden Tag davor gestellt.

Aber schon lange ist der Sessel, der nur für die drei höchsten tibetischen Lamas, vor allem für den Dalai Lama reserviert ist, verwaist. Das hätte sich in diesen Tagen ändern können. Die Zeit zwischen dem dritten bis zum 17. September war für den Besuch des Dalai Lama festgelegt. Immer wieder hatte das religiöse Oberhaupt des tibetischen Buddhismus, dessen Name Dalai (Ozean) aus dem Mongolischen kommt, nach starkem Druck Pekings auf die mongolische Regierung seinen Besuch in den letzten sechs Jahren verschieben müssen. "Wir haben ihn diesen Herbst eingeladen", bestätigt der Ehrwürdige Abt Amgalan, Klosterleiter von Ganden und Vertreter des mongolischen Groß-Lamas (Khamba-Lama). "Es ist keine Einladung der Regierung, sondern eine rein religiöse Angelegenheit", hatte sich diesmal das mongolische Außenministerium hinter die Buddhisten gestellt. Nun scheiterte der Besuch wieder. Diesmal im Vorfeld. Moskau machte einen Strich durch die Rechnung. Der Dalai Lama wollte aus seinem indischen Exil anreisen und kann von dort nur über Moskau nach Ulan Bator fliegen. Doch das russische Außenministerium verweigerte das Einreise- oder Transitvisum, berichtete Interfax. Moskauer Rücksichtnahmen auf chinesische Empfindlichkeiten sollen der Grund sein, so erfuhr ein Vertreter des tibetischen Kulturzentrums. Der Termin passe nicht. Der Dalai Lama wollte im August zuerst russische Regionen mit buddhistischen Gemeinschaften und ab September dann die Mongolei besuchen. Zu dem Zeitpunkt aber seien hohe chinesische Politiker gerade auch auf Staatsvisite in Russland.

Rund drei Viertel der heute 2,4 Millionen Mongolen bekennen sich heute wieder zum Buddhismus, der unter stalinistischer Verfolgung der dreißiger Jahre aus der Öffentlichkeit verschwand. Von den 1921 noch 700 Klöstern mit damals 120 000 Mönchen blieb nur die Anlage Ganden übrig. Heute leben wieder 3000 Mönche in 140 neu geöffneten Klöstern. Die Besuche seiner Heiligkeit - bisher war er schon fünf Mal in der Mongolei zu Gast - halfen beim Wiederaufleben des Buddhismus.

Nicht nur die heute 650 Mönche im Kloster Ganden sehnen sich nach seiner Belehrung. Sehr zum Ärger Pekings bekennt sich sogar der seit einem Jahr amtierende Ministerpräsident Nambaryn Enkhbayar, Vorsitzender der aus den Kommunisten hervorgegangenen Mongolischen Revolutionären Partei, zum Buddhismus. Der 43-jährige Premier, der in Russland und England studiert hat und sich politisch als moderner Sozialdemokrat und nicht als Kommunist begreift, entdeckte seine familiären Wurzeln im Buddhismus, als er vom Schicksal seines Urgroßvaters erfuhr. Der pilgerte einst als Lama nach Tibet und wurde nach seiner Rückkehr Arzt in Ulan Bator für die mongolisch-tibetische Heilkunde. Unter dem stalinistischen Terror, dem mehr als 100 000 Mongolen, darunter 30 000 Mönche zum Opfer fielen, wurde der traditionelle Arzt 1933 nach Russland verschleppt und dort ermordet. 1982 lies sich Enkhbayar heimlich von einem Lama im Buddhismus ausbilden und lernte auch die tibetische Sprache.

Politisch will sich der Premier, der gute Beziehungen zu China unterhalten möchte, auf keinen Fall in die Tibetfrage einmischen: "Natürlich haben wir Probleme mit China, wenn er hierher kommt. Es ist aber kein Akt der Politik und richtet sich auch nicht gegen China. Wir sind in der Lage, staatliche und religiöse Angelegenheiten voneinander zu trennen".

In Ganden werden die Mönche weiter warten. 1938 hatten sowjetische Truppen aus dem Kloster den größten Kupferbuddha der Welt demontiert und einschmelzen lassen. Die buddhistische Gemeinde ließ nach 1990 mit einer Millionen Mark Spenden einen neuen Buddha aus Kupfer errichten. Für den Dalai Lama wurde sein Thronsessel neu erbaut.

Mit freundlicher Genehmigung DIE WELT
Erscheinungsdatum: 07. 09. 2001


   

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Last Update: 10. September 2006